Evangelische Kirchenmusik Aalen

Johanneskirche Aalen

Unbekannter Erbauer, 1802, 14/I

Die Orgel der Johanneskirche Aalen

 

Manual
C-c³
Holtz Prinzipal
8’
Viola da Gamba
8’
Groß Gedeckt
8'
Prinzipal
4’
Flöte
4'
Quinte 
3’
Flöte
2’
Oktav
2’
Mixtur 4fach
2’
Flöte (gedeckt)
4'
 
 
Pedal
C-c‘
Subbaß
16'
Oktavbaß
8’
Posaunenbaß
8’
Baßmixtur
 
feste Pedalkoppel
 

Die Evangelische Kirchengemeinde beherbergt in der Johanneskirche, dem ältesten Baudenkmal der Stadt, ein seltenes Kleinod. Die Orgel der Johanneskirche (1802) ist die einzige historische Orgel des Evangelischen Kirchenbezirkes aus reichsstädtischer Zeit. Der Orgelbauer ist bislang nicht ermittelt, die Geschichte dieser Orgel im 19. Jahrhundert ist wegen der schwierigen Quellenlage bislang nur wenig erforscht, Archivalien liegen bisher nur aus dem 20. Jahrhundert vor.

Daten zu Kirche und Orgel

 
um 1200    Entstehung der romanischen Wandmalereien
 
               Erweiterungen und Umbauten der Johanneskirche ~ 1390, 1561, 1747 (Einbau der Emporen), 1802[1]
 
1802        „Anno 1802 wurde zur Ehre und Preiß Gottes, von einem alhießigen Raths Glied gegenwärtige Orgel als ein Legat der Sanct Johanniskirch übergeben, auch ist zu gleicher Zeit dieße Kirche vergrößert worden, unter Anordnung und Aufsicht Herrn Johann Georg Kauffmann, Herrn Matthias Rieder als Kirchen und Heilige Pflegern.“
               Diese Inschrift erinnert an die Stiftung des Instrumentes durch den damaligen Bürgermeister Christian Friedrich Fürgang. Der Kirchraum wurde an der Ostseite vergrößert. Der Orgelbauer ist bisher nicht ermittelt. In der Region arbeiteten 1802 zwei Orgelbaubetriebe:  
1.    Johann Michael Schultes in Neresheim, Geselle bei Johann Nepomuk Holzhey, Sohn des Orgelmachers und Johann Georg Schultes, Bürger in Ellenberg.
2.   Joseph Nikolaus Allgeyer aus Wasseralfingen, Orgelmacher in vierter Generation einer Orgelbauerfamilie in Hofen und Wasseralfingen. Joseph Nikolaus Allgeyer erbaute 1804 eine Orgel für die Pfarrkirche Hofen, die sein greiser Onkel Johann Georg Allgeyer, Orgelmacher in Hofen 1801 (ein Jahr vor der Stiftung der Johannesorgel) gestiftet hat.[2]
3.  Georg Friedrich Schmal d.J. in Ulm. Sein Vater Georg Friedrich Schmal baute 1769 die Orgel für die neue Stadtkirche.
 
1821        Christian Friedrich Fürgang beantragt wegen des schlechten Zustandes seiner Stiftung die Rückerstattung von 1500-2000 Gulden. Verhandlung vor dem Amtsgericht. Das Ergebnis ist unbekannt.[3]
1829        Verhandlung im Stiftungsrat: Auf den Feldern um die Johanneskirche werden entwendete Orgelpfeifen aufgefunden.
1857        Reparaturauftrag an Firma Link.[4]
~1916      vermutliche Materialablieferungen im 1. Weltkrieg
1922        Eine „Bürgerinitiative“ um den Fabrikanten Heinrich Rieger lässt Kirche und Orgel instandsetzen.
1922        „Kostenberechnung über die Wiederinbetriebnahme der Orgel in der Friedhofskirche in Aalen“ durch Firma Link. In diesem Angebot findet sich eine Aufzählung des noch vorhandenen Pfeifenwerkes[5]:
Gedackt 8’
Gedeckt 4’
Subbass 16’
Oktavbass 8’
Posaune 16’ (wird als „unbrauchbares“ Register entfernt)
                 
               Die Maßnahme wird für 8.840,- Mark an der Jahreswende durchgeführt. Dabei erhält die Orgel eine neue Farbfassung. Die Balganlage aus drei mehrfaltigen Froschmaulbälgen wird neu beledert.
               Ein Zusatzangebot (7.550,- Mark) für ein neues Register „Gamba 8’“ wird zunächst nicht realisiert.
 
1928        Benefizkonzert in der Johanneskirche „zu Gunsten der Registererweiterung der Orgel“ [6]
1929        "Gamba 8’“ wird eingebaut und durch Heinrich Rieger bezahlt (405,- Mark).[7]
1942         Landeskonservator Dr. Walter Supper[8] hat das Instrument am 28. August 1942 aufgenommen, um die von erneuter Materialablieferung bedrohte Orgel kurzerhand unter Denkmalschutz zu stellen.
 
               Seine Notizen:
Orgel im Chor, Schleiflade, mechanische Traktur. Das Werk ist sehr verwahrlost, Re­gister sind z.T. verändert, z.T. ver­schwunden, Spielschrank zur Orgel
 
Manual: c-c³                                                   Pedal: C-c’
Prinzipal 4’        früher Ged. 4’                     Subbaß 16’
Gamba 8’           früher Mixtur 2’ 4fach       Oktavbaß 8’
Gedackt 8’         alt Aufschn. Erh.                 2 leere Schleifen
Flöte offen 4’    früher Flöte 2’                   
Flöte 8’              alt                                        
Flöte ged. 4’      alt                                        
4-5 leere Schleifen                                            
 
1945        Die Orgel bekommt eine elektrische Windversorgung und einen neuen Balg.
1947        wurde die Orgel unter Federfüh­rung von Helmut Bornefeld[9] (Dis­position und Mensuren) umgestal­tet. Obwohl nach dem Abtragen des schwarzen Anstriches alte Registerbe­zeichnungen zum Vorschein ka­men (s.u.), wurde ganz im Sinne Bornefelds disponiert. Die bisherige Dispositi­on wurde als „entstellt“ bezeichnet[10] Unter Verwendung des vor­han­denen Pfeifenmaterials bekam das Werk fol­gende Gestalt: (Einweihung Jubilate 1947).
 
Manual                                      Pedal
Gedeckt               8’             Subbaß                    16’
Quintade              8’             Oktavbaß                8’
Prinzipal               4’             Rohrpommer            4’
Gedacktflöte         4’             Baßmixtur 4fach       4’
Hohlquinte           2 2/3’        
Oktave                2’              
Spitzquinte           1 1/3’         
Scharff 2-3fach      1’                                                
Zimbel doppelt      1/16’ 1/12’[11]
 
 
1952        Die Johanneskirche wird renoviert.
 
1972        Gutachten des Orgelsachverständigen Manfred Götz.
 
1974        Neue Renovierung der Johanneskirche. Entfernung der Emporen, Fund der romanischen Fresken, Umgestaltung der Anlage, der Altar wird auf die West-Seite gestellt. Orgelpfleger Götz spricht 1972[12] von einer notdürftigen Reparatur 1947 und beschei­nigt dem Werk schwere tech­nische Mängel. Es bestand der Wunsch, die Orgel wieder mehr dem originalen Klangbild anzunähern. Unter den Re­gisterschildern finden Götz und KMD Tusch­hoff erneut folgende Disposition, die dann im Zuge einer Restaurierung realisiert wird. Ob es sich um die Original­disposition oder um das Ergeb­nis einer Um­arbeitung (Erweiterung) aus der Mitte des 19. Jahrhunderts handelt, bleibt derzeit offen. Das Klangbild und die Intonationsmethode ist Kind der Orgelästhetik von 1974.
 
 
Manual                                   Pedal
Holtz Prinzipal     8’ offen    Subbaß                 8’ (16')
Viola da Gamba   8’            Oktavbaß             8’ offen
Groß Gedeckt      4’ (8')       Posaunenbaß       8’      
Prinzipal             4’            Baßmixtur           
Flöte                  4'              
Quinte                3’            feste Pedalkoppel
Flöte                  2’              
Oktav                 2’              
Mixtur 4fach        2’                                            
Flöte                  2' (4')        
 
               Heute erklingt die Orgel im Wochenschlussgottesdienst, im sonntäglichen Frühgottesdienst (Ostern bis Erntedank) sowie bei Hochzeiten, Beerdigungen und anderen Kasualien.
 
2008        Im Zuge von Recherchen für diese Publikation werden die originale Balganlage mit drei mehrfaltigen Keilbälgen samt Kanälen von 1802 und der Hauptbalg von 1945 wieder aufgefunden.

 


 

[1] aus Karlheinz Bauer, Aalener Geschichtsdaten, in Aalener Jahrbuch 1982, Seite 256 ff.
[2] aus Karlheinz Bauer, Die Orgelbauerfamilie Allgeyer in Hofen und Wasseralfingen, in Aalener Jahrbuch 1986, Seite 62 ff.
[3] Vortrag von Stadtarchivar Dr. Roland Schurig 2002 anlässlich der Feier 200 Jahre Johannesorgel.
[4] Hinweise auf Beschlüsse des Stiftungsrates finden sich in einem Vortrag von Herbert Tuschhoff anlässlich der Einweihung des Orgelumbaus 1947, maschinen- und handschriftlich, in Familienbesitz
[5] Archiv Fa. Link: COPIR-BUCH 16 vom 23. August 1915 – 27.7.1922, Seite 957 f.
[6] Es erklingen Werke für Sopran, Bariton, Violine und Orgel. An der Orgel: Paul Buck, Professor in Stuttgart, Vater von Peter Buck (Melos-Quartett)
[7] Archiv Fa. Link: Eintrag Hauptbuch Seite 167
[8] Briefwechsel Dr. Supper - Tuschhoff erhalten (Kopie im Kantorat)
[9] Siehe Gutachten Bornefeld 1946
[10] Die Orgel der Johanneskirche Aalen in Musik und Kirche Nov. 1947
[11] Die „neuen Pfeifen“ (lt. Hauptbuch Fa. Link Seite 376) wurden im Frühjahr für 3134,- Mark geliefert Die Cymbel wurde erst im September 47 eingebaut und bezahlt (600,-). Sämtliche Maßnahmen haben den Vermerk: „Bezahlt durch Sp.“
[12] Gutachten und Ergänzung Manfred Götz 30. September 1972 und 1. Febr. 1973

 

print